Welche Skibrillen-Scheibe bei welchem Licht

Die Zahl auf der Scheibe ist kein Geschmacksurteil

Jede Skibrille, die nach der europäischen Norm für alpine Skibrillen geprüft ist, trägt eine Kennzeichnung von S0 bis S4. Die Zahl sagt, wie viel sichtbares Licht die Scheibe durchlässt – abgekürzt VLT für Visible Light Transmission. Je höher die Kategorie, desto dunkler die Scheibe.

Kategorie VLT Typische Bedingung
S0 80–100 % Nachtskifahren, Flutlicht, dichter Nebel
S1 43–80 % Schneefall, Hochnebel, diffuses Licht im Wald
S2 18–43 % Wechselhaft, dünne Wolkendecke, tiefere Lagen
S3 8–18 % Klarer Wintertag über der Nebelgrenze
S4 3–8 % Gletscher, Firn im Frühling, hochalpine Sonne

Die Kategorie sagt nichts über den UV-Schutz. Das sind zwei getrennt gemessene Werte. Eine helle S1-Scheibe kann denselben vollständigen UV-Schutz bieten wie eine dunkle S4-Scheibe – und tut das bei jedem seriösen Hersteller auch. Dunkel heisst nicht sicher, und eine billige dunkle Scheibe ohne geprüften UV-Filter ist schlechter als gar keine Brille, weil sich Deine Pupille weitet und mehr UV-Strahlung hereinlässt.

Warum Schweizer Verhältnisse mehr verlangen als anderswo

Die UV-Belastung steigt pro 1000 Höhenmeter um rund 10 bis 12 Prozent. Wer in Zermatt oder auf der Diavolezza auf über 3000 Metern startet, ist also deutlich stärker exponiert als jemand im Mittelgebirge. Dazu kommt die Reflexion: Schnee wirft je nach Zustand 50 bis 80 Prozent der UV-Strahlung zurück, Neuschnee liegt am oberen Ende. Die Strahlung trifft Dich damit nicht nur von oben, sondern auch von unten und von der Seite.

Die Folge einer Überdosis heisst Photokeratitis, umgangssprachlich Schneeblindheit. Sie ist tückisch, weil sie sich erst rund drei bis zwölf Stunden nach der Exposition meldet – also typischerweise am Abend, wenn Du längst von der Piste zurück bist. Wer den ganzen Tag ohne ausreichenden Filter auf dem Gletscher war, merkt das Problem erst nachts.

Der Klassiker: über und unter der Nebelgrenze

Ein Schweizer Wintertag mit Hochnebel im Mittelland und Sonne ab 1200 Metern verlangt beides an einem Tag. Unten im Tal und auf den untersten Sektoren herrscht diffuses Grau, oben knallt die Sonne auf den Schnee. Wer morgens mit der dunklen Scheibe in die Bahn steigt und den letzten Abschnitt am Nachmittag durch den Nebel zurückfährt, hat genau den Moment erwischt, in dem ein Wechselsystem seinen Preis rechtfertigt.

Frühlingsschnee ist heller, als er aussieht

Ab März steht die Sonne höher, der Firn wird nass und spiegelt stärker als trockener Pulverschnee. Viele fahren im Frühling mit derselben Scheibe wie im Januar und wundern sich am Abend über brennende Augen. Auf Gletschern und in offenem Gelände über der Waldgrenze ist Kategorie 4 im Frühjahr keine Übertreibung.

Die Scheibenfarbe: was sie kann und was nicht

Farbe und Kategorie sind unabhängig voneinander. Die Farbe verändert den Kontrast, die Kategorie die Helligkeit.

  • Gelb, Orange, Rosa: filtern den kurzwelligen blauen Anteil heraus. Schnee streut bei bedecktem Himmel genau dieses blaue Licht, und ohne Filter verlierst Du jede Tiefeninformation. Diese Farben sind die richtige Wahl bei Schneefall und Flachlicht.
  • Grün, Blau, Violett: neutralere Farbwiedergabe, angenehm bei wechselndem Licht und auf präparierten Pisten.
  • Grau, Braun, dunkle Verspiegelung: verfälschen Farben am wenigsten und reduzieren Blendung am stärksten. Für Sonnentage die richtige Wahl, für Nebel unbrauchbar.

Eine gelbe Scheibe macht keinen Nebel klar. Sie verbessert nur die Kontrastwahrnehmung innerhalb dessen, was noch sichtbar ist. Wer bei dichtem Hochnebel nichts sieht, wird auch mit der teuersten Schlechtwetterscheibe nichts sehen.

Ein oder zwei Scheiben – die ehrliche Rechnung

Für einen typischen Schweizer Wintertag über der Nebelgrenze ist S3 die vernünftige Standardwahl. Das Problem ist der Tag, an dem sich das Wetter ändert – und das ist in den Alpen der Normalfall, nicht die Ausnahme. Mit einer festen S3-Scheibe fährst Du den Nachmittag im Schneetreiben faktisch blind.

Deshalb sind Systeme mit zwei Scheiben der praktischere Weg. Eine dunkle für die Sonne, eine helle für schlechtes Licht. Die Blaze 2.0 kommt mit zwei Scheiben und einem magnetischen Wechselsystem; verfügbar sind unter anderem S4 mit 6 % VLT für Gletscher, S3 mit 14 respektive 15 % VLT für Sonnentage und S1 mit 76 % VLT für schlechtes Licht.

Selbsttönende Scheiben als Alternative

Photochrome Scheiben passen sich an und decken meist einen Bereich von etwa S1 bis S3 ab. Das ist bequem und spart den Wechsel. Zwei Einschränkungen solltest Du kennen: Der Wechsel dauert je nach Temperatur eine halbe bis mehrere Minuten, und photochrome Scheiben erreichen selten die Kategorie 4. Für reine Gletschertage bleibt die feste dunkle Scheibe überlegen.

Zwei Dinge, die oft übersehen werden

Scheiben der Kategorie 4 sind für den Strassenverkehr nicht geeignet und müssen vom Hersteller entsprechend gekennzeichnet sein. Das gilt auch für die kurze Fahrt vom Parkplatz ins Tal – wechsle vorher.

Und wenn Du die Wahl zwischen zwei Kategorien hast, nimm im Zweifel die hellere. Eine zu dunkle Scheibe im Schatten des Waldstücks ist gefährlicher als eine zu helle in der Sonne, weil Du Bodenwellen und Eisplatten zu spät erkennst. Welche Grösse und Passform zu Deinem Gesicht und Helm passt, klärst Du getrennt davon über den Grössen- und Passform-Guide.

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